Was ein altes Fichtenholz über Insekten, Pilze und falschen Holzschutz verrät.
Letztens auf einer Baustelle …
Vor mir auf dem Boden lag ein kleines, grau-braunes Stück Holz. Verwittert, ausgeblichen, an den Kanten leicht ausgefasert. Auf den ersten Blick: nichts Besonderes. Ein abgebrochenes Kantholz, wohl ein Reststück aus dem Abriss einer alten Scheune. Doch etwas daran ließ mich innehalten.
Ich bückte mich, hob es auf, drehte es in der Hand – und wusste: Über dieses Stück Holz muss ich schreiben.

Denn was da in meiner Hand lag, war kein bloßes Abfallprodukt, kein simples Bauteil. Es war ein Geschichtenerzähler. Ein Bauteil mit Vergangenheit. Ein Lehrstück für Holzschutz und eine Warnung an uns alle, die wir mit dem Baustoff Holz arbeiten – sei es als Handwerker, Bauherr oder Planer.
Die Geschichte unter der Oberfläche
Mit bloßem Auge waren winzige, kreisrunde Öffnungen erkennbar. Manche sauber gestochen, andere oval, fast schon unregelmäßig. An einer Seite splitterte das Holz kantig ab – wie Würfel, die jemand aus einem Brett geschnitten hatte. Als ich näher hinsah, entdeckte ich in einem der Fraßgänge ein Nest, fein gesponnen, mit einer weißen Eiablage – eine Spinne hatte das morsche Holz als Kinderstube gewählt.
Der Geruch? Eine Mischung aus altem Dachboden, trockener Erde und etwas, das nur Kenner wahrnehmen: der Hauch eines beginnenden biologischen Abbaus.
Dieses kleine Stück Holz war nicht einfach alt – es war geschädigt. Von innen, von außen, biologisch, strukturell. Und es offenbarte damit eine ganze Kette von Versäumnissen, die sinnbildlich für zahllose historische Gebäude in Deutschland stehen.
Makroskopisch faszinierend – mikroskopisch noch mehr
Schon bei dieser ersten Sichtung wurde klar: Hier lag eine ganze Welt verborgen. Holz, das von Insekten durchzogen, von Pilzen zerfressen, von Feuchtigkeit geschwächt worden war. Jeder Quadratzentimeter war ein Kapitel in einem Buch, das nur darauf wartete, gelesen zu werden. Und ich las es.
Fachliche Analyse – was wirklich passiert ist
1. Holzart und Einbauort
Das untersuchte Bauteil ist ein altes Stück Nadelholz, eindeutig Fichte (Picea abies). Aufgrund seiner Form und Abmessung lässt sich schließen, dass es sich um ein Kantholz handelt – ursprünglich verbaut in einer Scheune, wahrscheinlich als tragendes Element in der Dach- oder Wandkonstruktion.
2. Insektenbefall durch Hausbockkäfer
Typische Merkmale am Objekt:
- Fraßgangdurchmesser ca. 5 mm, teilweise oval bis 7 mm.
- Gänge verlaufen entlang der Faserrichtung tief ins Splintholz.
- Sichtbares Bohrmehl in länglichen Spänen – typisch für Hausbocklarven.



Verursacher: Hylotrupes bajulus – der Hausbockkäfer
- Befällt ausschließlich Nadelhölzer, bevorzugt Fichte.
- Entwickelt sich bevorzugt in lufttrockenem Holz, das nicht mehr frisch ist, aber noch ausreichend Restfeuchte aufweist.
- Bauholz in Dachstühlen oder Scheunen, das schlecht belüftet und nicht vorbeugend geschützt wurde, bietet ideale Bedingungen.
3. Würfelbruch durch Braunfäule
An mehreren Stellen zeigen sich typische Zerstörungsbilder durch Braunfäule:
- Das Holz ist quaderförmig zerfallen, es wirkt bröselig, trocken, aber instabil.
- Der Ligninabbau ist fortgeschritten, das Gerüst des Holzes bleibt erhalten, während die Zellulose aufgelöst wurde.


Pilzursache: z. B. Serpula lacrymans (Echter Hausschwamm) oder Coniophora puteana (Kellerschwamm)
- Voraussetzung: langandauernde Feuchteexposition.
- Mögliche Ursache: aufsteigende Feuchte im Mauerwerk, kondensierende Luftfeuchtigkeit, fehlende Belüftung, Stauwassereinwirkung.
4. Sekundärbild: Spinnennest mit Eigelege
Ein insektenbiologisches Nebenbild, das zeigt, wie schnell solche Hohlräume von der Natur rebesiedelt werden. Ein spannendes Detail, das für Laien kurios wirkt – für uns Fachleute aber nur ein weiteres Indiz für lange vorhandene Hohlräume und fortgeschrittenen Verfall ist.

5. Fachtechnische Bewertung nach DIN 68800
Entscheidende Mängel:
- Fehlender vorbeugender baulicher Holzschutz nach DIN 68800-2.
- Kein Einsatz von technisch getrocknetem Holz.
- Keine Maßnahmen zur Vermeidung von Durchfeuchtung, wie z. B. konstruktiver Witterungsschutz oder konstruktive Querschnittsreduzierung.
Folge:
- Kombinierter biologischer Schaden (Insekten + Pilze),
- Tragfähigkeitsverlust des Holzbauteils,
- Gefahr des Totalversagens im Tragwerk.
Was lernen wir daraus?
Ein scheinbar banales Stück Holz kann zum Lehrbuchbeispiel für Holzschutzversagen werden. Wer Holz als Baustoff einsetzt – besonders im Alt- und Denkmalbau –, muss seine biologische Komplexität ernst nehmen.
Denn Holz verzeiht vieles, aber nicht auf Dauer. Es vergisst keine Feuchte. Keine falsche Einbauweise. Keine Unterlassung.
Und was heißt das konkret für die Praxis?
- Holz muss trocken sein – und trocken bleiben.
- Insektenzugang muss baulich verhindert werden.
- Pilzbefall ist immer ein Feuchteproblem.
- Regelmäßige Kontrolle rettet Gebäude.
- Bei Altbauten: frühzeitig den Fachmann einschalten.
Fazit: Holz spricht – wenn wir lernen hinzuhören
Das Stück Holz aus der alten Scheune war kein Stück Abfall, sondern ein Mahnmal für den fehlenden Respekt vor einem lebendigen Werkstoff.
Es erzählt eine Geschichte von Vernachlässigung – aber auch von Erkenntnis.
Wenn wir beginnen, auf diese Geschichten zu hören, lernen wir, wie wir Holz langfristig, nachhaltig und sicher einsetzen können – selbst in Zeiten von Klimawandel, Ressourcenknappheit und energetischem Bauen.
Sie möchten mehr erfahren oder haben einen Verdacht auf Befall?
Nehmen Sie Kontakt mit uns auf.
Wir helfen Ihnen, Holz richtig zu verstehen, zu schützen und zu bewahren.
Sachverständigenbüro Charles Knepper
Kirchweg 4
06295 Lutherstadt Eisleben
Funk: 0177 – 4007130
E-Mail: gutachter-knepper@online.de
Webseiten:
www.schimmelhilfe24.de
www.holzschutz-gutachten24.de
www.gutachter-knepper.de
www.bauschaden24.eu
Und hier noch einmal der fachlich informative Teil zur Bewertung des Holzstückes :
1. Holzart und Verwendungszweck
Das untersuchte Reststück besteht aus Nadelholz, eindeutig Picea abies (Fichte), was durch die helle Farbe, gleichmäßige Struktur und die typischen Jahrringausprägungen bestätigt wird. Es handelt sich um ein ehemals tragendes Kantholz, das vermutlich im Rahmen einer Scheunenstruktur (z. B. Pfetten, Rähm oder Schwellen) verbaut war.
2. Insektenbefall – Schadbild und Identifikation
a) Fraßgänge und -merkmale
- Durchmesser der Fraßgänge: Überwiegend rund mit ca. 5 mm, in Teilbereichen leicht oval bis zu 7 mm.
- Verlauf: Die Fraßgänge verlaufen parallel zur Faser, tief ins Splintholz eindringend.
- Bohrmehl: Teils sichtbar in Form von gröberen, länglichen, faserigen Partikeln – typisch für Larven, die das Holz zerspanend statt mahlend bearbeiten.
b) Verursacher: Hausbockkäfer (Hylotrupes bajulus)
Diese Charakteristika sprechen eindeutig für den Hausbockkäfer:
- Typischer Fraßgangdurchmesser (5–8 mm),
- Tiefes Eindringen in das Splintholz,
- Vorliebe für altes, trockenes Nadelholz,
- Feines, linsenförmig ausgetragenes Bohrmehl.
Der Hausbockkäfer ist einer der gefährlichsten Holzschädlinge in Altkonstruktionen und bevorzugt lufttrockenes, ungeschütztes Fichtenholz im Dachstuhlbereich oder Scheunenstrukturen. Die Entwicklung seiner Larven kann mehrere Jahre andauern.
3. Weitere sichtbare Holzschäden
a) Braunfäule mit Würfelbruch
In Teilbereichen des Holzes zeigen sich typische Würfelbruchmuster, verursacht durch:
- Braunfäulepilze, welche Zellulose abbauen und das Lignin zurücklassen.
- Das Holz verliert dadurch erheblich an Tragfähigkeit.
- Sichtbare Blockzerfallsstrukturen (Würfelbildung) belegen ein fortgeschrittenes Stadium der Zerstörung.
Der Befall durch Braunfäulepilze tritt oft sekundär zum Insektenbefall auf – beide Schäden können sich verstärken. Wahrscheinlich lag ein Feuchteproblem vor (z. B. aufsteigende Feuchtigkeit im Sockelbereich oder Leckage durch Dach und fehlende bauliche Schutzmaßnahmen).
4. Biologisches Nebenbild: Spinnennest mit Eigelege
In einem der Fraßgänge ist ein Spinnennest mit Eiablage zu erkennen. Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine der Gattungen Tegenaria oder Zygiella, die gerne in alten Hölzern nisten, besonders in geschützten, hohlraumartigen Bereichen. Dieser Aspekt ist aus gutachterlicher Sicht biologisch relevant, aber nicht holzzerstörend.
5. Technische Bewertung und Gefährdung
Die Kombination aus:
- aktivem Insektenbefall (Hausbock),
- sekundärer Braunfäule,
- Würfelbruchstrukturen,
- und möglicher Restfeuchte im Holz, führt zu einer drastischen Minderung der statischen Tragfähigkeit des Holzquerschnitts.
Ein solcher Schaden ist gemäß DIN 68800-4 (Bekämpfungs- und Sanierungsmaßnahmen gegen Holz zerstörende Pilze und Insekten) als sanierungspflichtig einzustufen.
6. Empfohlene Maßnahmen
a) Sanierung gemäß DIN 68800-4
- Mechanisches Entfernen aller befallenen Holzbereiche.
- Ersatz durch technisch getrocknetes und visuell/maschinell sortiertes Konstruktionsvollholz.
- Optional: Einsatz geprüfter Holzschutzmittel in GK 1 bis 3 gemäß DIN 68800-3.
b) Bauliche Prävention (DIN 68800-2)
- Schutz vor aufsteigender Feuchte.
- Belüftung und Trockenhaltung.
- Kein direkter Erd- oder Wetterkontakt.
7. Gutachterlicher Hinweis
Ein solcher Befall dokumentiert anschaulich die Notwendigkeit einer Kombination aus:
- baulichem Holzschutz (DIN 68800-2),
- und – falls erforderlich – einem
- gezielten chemischen Schutz (DIN 68800-3), besonders bei nicht einsehbaren, alten Holzkonstruktionen.