Einleitung: Warum die Fichte im Bauwesen eine zentrale Rolle spielt
Die Fichte (Picea abies) ist eine der wirtschaftlich bedeutendsten Holzarten Mitteleuropas. In Deutschland gehört sie mit Abstand zu den meistverwendeten Nadelhölzern – sowohl im Neubau als auch in der Altbausanierung. Ihr schneller Wuchs, die gute Verfügbarkeit und die einfache Bearbeitbarkeit machen sie zum bevorzugten Werkstoff für tragende Holzbauteile, Dachstühle, Schalungen und Innenausbau.
Doch trotz ihrer technischen Vorzüge ist die Fichte aus Sicht des Holzschutzes anfällig – insbesondere bei falscher Anwendung oder unzureichendem Feuchteschutz. Dieser Artikel gibt einen umfassenden Überblick über die technischen Eigenschaften, Dauerhaftigkeit, Verwendungsmöglichkeiten und die Anforderungen an den Holzschutz, insbesondere nach DIN 68800.
Technische Eigenschaften der Fichte
Die Fichte ist ein weich bis mittelschweres Nadelholz mit hellgelblicher bis gelblichweißer Färbung. Sie ist harzarm, gleichmäßig strukturiert und zeigt eine homogene Textur mit feinen Jahresringen.
Typische Kennwerte:
- Rohdichte (lufttrocken): ca. 0,40–0,45 g/cm³
- Druckfestigkeit parallel zur Faser: ca. 40–50 N/mm²
- Biegefestigkeit: ca. 70–85 N/mm²
- Elastizitätsmodul: ca. 10.000–12.000 N/mm²
- Schwindverhalten: mäßig (längs gering, tangential ca. 7–10 %)
Die Fichte weist ein ausgeprägtes Schwind- und Quellverhalten auf, was bei wechselnden Klimabedingungen zu Formveränderungen führen kann – insbesondere bei nicht technisch getrocknetem Holz.
Dauerhaftigkeit und natürliche Resistenz
Die biologische Dauerhaftigkeit der Fichte ist sehr gering. Nach DIN EN 350 ist sie in die Dauerhaftigkeitsklasse 4 bis 5 einzustufen. Das bedeutet:
- Kernholz: wenig bis nicht dauerhaft
- Splintholz: grundsätzlich nicht dauerhaft
Somit ist Fichte besonders anfällig gegenüber:
- Holz zerstörenden Pilzen
- Holz zerstörenden Insekten (v. a. Hausbock, Splintholzkäfer)
- Bläuepilzen und Schimmel (optische Beeinträchtigung)
Die Fichte ist nicht resistent gegenüber Feuchte- oder Insektenbefall. Ihr Einsatz im ungeschützten Außenbereich ohne bauliche oder chemische Schutzmaßnahmen ist deshalb nicht zulässig.
Holzschutzanforderungen nach DIN 68800
Die DIN 68800 fordert für Fichte je nach Einsatzort konsequenten vorbeugenden Holzschutz – entweder konstruktiv oder chemisch. Die Anforderungen ergeben sich aus der zugewiesenen Gebrauchsklasse:
| Gebrauchsklasse | Einsatzsituation | Schutzanforderung bei Fichte |
|---|---|---|
| 0–1 | Innen trocken | Baulicher Holzschutz ausreichend |
| 2 | Innen mit gelegentlicher Feuchte | Konstruktiver oder chemischer Schutz erforderlich |
| 3.1 | Außen, bewittert aber abtrocknend | Fichte nicht ohne Imprägnierung zulässig |
| 3.2 | Außen, stark bewittert | Chemischer Schutz zwingend erforderlich |
| 4 | Erd- oder Wasserkontakt | Nur mit kesseldruckimprägniertem Holz möglich |
Splintholz muss bei Fichte entweder vollständig entfernt oder wirksam imprägniert sein. Eine technische Trocknung (Kammertrocknung) kann helfen, das Risiko für Insektenbefall zu senken, ersetzt aber keine Dauerhaftigkeit.
Schadensbilder und typische Befallsrisiken laut Kempe
Das Buch „Dokumentation Holzschädlinge“ von Kempe beschreibt Fichte als eine der am häufigsten befallenen Holzarten in der Praxis. Gründe dafür sind:
- Hoher Splintholzanteil
- Fehlender konstruktiver Schutz
- Zu hohe Holzfeuchte beim Einbau
Typische Schaderreger:
- Hausbockkäfer (Hylotrupes bajulus)
Befällt trockenes, verbautes Fichtenholz – typisches Schadbild in Dachstühlen älterer Häuser. - Braunfäule (z. B. Serpula lacrymans – Echter Hausschwamm)
Bei längerer Feuchtebelastung stark gefährdet. - Schimmel und Bläuepilze
Bereits bei kurzfristiger Befeuchtung sichtbar – optisch störend, aber nicht strukturschädigend. - Splintholzkäfer (Lyctus spp.)
Bei hoher Holzfeuchte und falscher Lagerung möglich.
Fazit aus dem Schadensbild:
Fichte ist ohne kontrollierte Rahmenbedingungen ein Hochrisikoholz. Ihre Verwendung muss immer mit einem funktionierenden Holzschutzsystem kombiniert werden.
Verwendungsmöglichkeiten der Fichte im modernen Holzbau
Trotz ihrer geringen natürlichen Dauerhaftigkeit ist Fichte aus dem Bauwesen nicht wegzudenken – vorausgesetzt, sie wird fachgerecht verarbeitet und geschützt.
Typische Einsatzbereiche:
- Dachstühle und tragende Bauteile im Innenbereich (GK 0–1)
- KVH und BSH (konstruktiv verarbeitet, technisch getrocknet)
- Verkleidungen, Schalungen, Sichtschalungen (nur mit Schutz)
- Innenausbau (z. B. Täfelungen, Decken, Möbelkonstruktion)
- Plattenwerkstoffe (z. B. Dreischichtplatten, OSB)
Hinweis:
Für den Einsatz im Außenbereich (z. B. Carports, Fassaden, Gartenholz) ist Fichte nicht geeignet, es sei denn, sie ist druckimprägniert oder thermisch modifiziert – und selbst dann nur mit begrenzter Lebensdauer.
Bewertung durch Sachverständige
Im Rahmen von Bauschadensanalysen ist Fichtenholz regelmäßig Gegenstand von Gutachten. Der Sachverständige beurteilt dabei:
- Den Zustand des Holzes (Feuchte, Befall, Tragfähigkeit)
- Die Holzart und deren Splintholzanteil
- Die Einhaltung der DIN 68800 (z. B. bei Neubauten)
- Mögliche Planungs- oder Ausführungsfehler
Gerade bei Sanierungen von Altbauten oder im Denkmalschutz ist eine differenzierte Bewertung erforderlich – etwa, ob ein befallener Dachstuhl aus Fichte erhalten oder ausgetauscht werden kann.
Fazit: Fichte nur mit Schutzmaßnahmen dauerhaft einsetzbar
Die Fichte ist zwar wirtschaftlich und technisch ein gut zu bearbeitender Baustoff, jedoch aus holzschutztechnischer Sicht klar als gefährdete Holzart einzustufen. Ohne entsprechende Maßnahmen ist sie nur in trockenen, geschützten Bereichen einsetzbar. Für den Einsatz im Außenbereich sind besser geeignete Hölzer oder zusätzliche Schutzverfahren erforderlich.
Empfehlung:
- Technisch getrocknetes Holz verwenden (u ≤ 20 %)
- Konstruktiven Holzschutz konsequent umsetzen
- Keine Fichte im Spritzwasserbereich oder mit Erdberührung
- Bei Unsicherheit: Sachverständigen einbeziehen
Kontakt
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Sachverständigenbüro Charles Knepper
Kirchweg 4
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Weitere Informationen finden Sie auf:
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https://bauschaden24.eu
Quellen:
- DIN EN 350
- DIN 68800-1 bis -4
- Dokumentation Holzschädlinge – Kempe
- Eigene Erfahrungen aus der Sachverständigenpraxis
