Theorie und Realität
In der Theorie soll eine Dampfsperre den Feuchteeintrag aus dem Wohnraum in den Dachraum verhindern. Voraussetzung dafür ist eine dauerhaft luftdichte Ausführung über die gesamte Gebäudehülle hinweg. Genau diese Voraussetzung wird im Bestand jedoch nur selten erreicht.
In der Praxis ist eine vollständig luftdichte Ausführung kaum realisierbar. Selbst bei sorgfältiger Bauausführung verbleiben Leckagen an Anschlüssen, Durchdringungen und Übergängen. Diese Undichtigkeiten sind im Alltag zunächst unauffällig, wirken bauphysikalisch jedoch dauerhaft.
Warum Leckagen unvermeidbar sind
Bestandsgebäude unterliegen Alterungsprozessen und baulichen Veränderungen. Materialien arbeiten, Holz schwindet und quillt, Klebeverbindungen verlieren ihre Haftung, und nachträgliche Installationen durchdringen die Luftdichtheitsebene.
Typische Schwachstellen sind:
- Anschlüsse der Dampfsperre an Mauerwerk
- Durchdringungen für Leitungen und Kabel
- Deckenanschlüsse und Stoßfugen
- Einbauleuchten und Installationsschächte
- Übergänge zu Schornsteinen und Dachfenstern
Diese Leckagen sind meist klein, ihre Wirkung jedoch groß. Sie ermöglichen konvektive Luftströmungen, die deutlich mehr Feuchte transportieren als die reine Diffusion.
Hohe Feuchtebelastung durch Nutzung
Besonders kritisch sind Räume mit hoher Feuchteproduktion. Badezimmer, Duschräume und Küchen erzeugen kurzfristig sehr hohe relative Luftfeuchten. Innerhalb weniger Minuten können dort Werte entstehen, die deutlich über dem normalen Wohnklima liegen.
Der dabei entstehende Dampfdruck sucht einen Ausgleich. Kann die Feuchte nicht ausreichend abgeführt werden, strömt feuchtewarme Luft über vorhandene Leckagen in Richtung Dachraum. Dieser Vorgang erfolgt nicht langsam, sondern aktiv und zielgerichtet entlang der Druckgefälle.
Genau an dieser Stelle beginnt das eigentliche Problem im Kaltdach.
Warum die Dampfsperre allein nicht ausreicht
Die Dampfsperre wirkt in erster Linie gegen Diffusion. Gegen Konvektion ist sie nur dann wirksam, wenn sie vollständig luftdicht ausgeführt ist. Diese theoretische Annahme steht im klaren Widerspruch zur Realität vieler Bestandsdächer.
Aus gutachterlicher Sicht gilt daher:
- Die Dampfsperre reduziert Feuchteeinträge, verhindert sie aber nicht vollständig
- Einzelne Leckagen genügen für relevante Feuchtemengen
- Nutzungseinflüsse verstärken den Effekt erheblich
- Der Dachraum wird schleichend belastet
Ein Kaltdach darf daher nicht darauf angewiesen sein, dass die Dampfsperre dauerhaft perfekt funktioniert.
Fachliche Einordnung
Die anerkannten Regeln der Technik stellen nicht auf theoretische Idealzustände ab, sondern auf das tatsächliche Verhalten von Konstruktionen im Betrieb. Die Grundsätze des baulichen Holzschutzes nach DIN 68800, herausgegeben vom DIN Deutsches Institut fuer Normung, fordern Konstruktionen, die auch bei unvermeidbaren Feuchteeinträgen schadensfrei bleiben.
Genau daraus ergibt sich die zentrale Bedeutung einer funktionierenden Dachbelüftung im Kaltdach.
